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Aufwachen aus dem Traum vom stillen Team

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
9. Okt.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Fragekultur als Effizienzfaktor: Warum die teuerste Frage die ungestellte ist.


Jeder Mensch mit Meetingerfahrung kennt diesen Moment nach einer längeren Erklärung. Man fragt freundlich in die Runde nach offenen Fragen und bekommt nur Stille zurück. Die Kameras zeigen nachdenkliche Gesichter und irgendwann geht das Meeting einfach weiter. Als Führungskraft liegt es nahe dieses Schweigen als Zustimmung zu deuten. In Wahrheit sitzen in genau diesen Sekunden oft mehrere Menschen mit einer Frage im Kopf am Tisch und jeder von ihnen hält sich für den Einzigen.


Was ungestellte Fragen ein Unternehmen kosten


Ein Entwickler hat das einmal in zwei unvergesslichen Sätzen auf den Punkt gebracht: „Wie soll ich etwas implementieren, das ich nicht verstanden habe? Ich kann keine Logik raten.“ Mit einer nur halb verstandenen Anforderung im Kopf füllt man die andere Hälfte ganz automatisch mit eigenen Annahmen. Dahinter steckt keine Nachlässigkeit, denn es fühlt sich in diesem Moment schlicht vernünftig an erst einmal weiterzumachen und niemanden aufzuhalten.


Drei Wochen später sitzt dieselbe Runde wieder zusammen und stellt fest: Die Software tut sauber und durchdacht genau das Falsche. Eine Rückfrage in der Analyse hätte ein paar Minuten gekostet und in der Umsetzung kostet dieselbe Klärung Tage oder manchmal ganze Sprints. Fragekultur ist deshalb kein weiches Wohlfühlthema für den nächsten Teamtag. Sie gehört zu den direktesten Hebeln für Qualität und Geschwindigkeit in der Hand einer Führungskraft und entscheidet darüber, ob Missverständnisse früh und günstig oder spät und teuer ans Licht kommen.


Warum „Stellt doch bitte Fragen!“ nicht funktioniert


Die naheliegende Reaktion kennen die meisten Führungskräfte aus eigener Erfahrung. Man lädt ausdrücklich zum Fragen ein und beteuert mit Nachdruck: Dumme Fragen gibt es nicht. Beim nächsten Mal erklärt man noch ausführlicher und fragt noch einmal nach und trotzdem bleibt es still. Für dieses Muster verwende ich in meinen Trainings sehr gerne ein Bild aus dem Schlaf.


Stellen wir uns einen Albtraum mit einem Verfolger vor. Wir rennen so schnell wir können und schlagen Haken und verstecken uns hinter einer Tür, aber die Verfolgung wird dadurch kein bisschen kleiner. Das ist eine Lösung erster Ordnung im Sinne von mehr vom Selben und innerhalb des Traums fühlt sie sich völlig richtig an. Im Traum gelten nämlich die Regeln des Traums und nach diesen Regeln gibt es nur Fluchtwege. Die Lösung zweiter Ordnung sucht dagegen keinen besseren Fluchtweg. Sie wacht einfach auf und in diesem Moment verschwindet die Verfolgung, denn der Traum selbst hat das Problem erzeugt.


Mit dem Appell an das Team verhält es sich genauso. Er bleibt in genau jener Denkweise stecken und genau diese Denkweise hat das Schweigen hervorgebracht. Der Appell behandelt Schweigen als Mangel an Mut und setzt auf ein bisschen Ermutigung. In Wahrheit entsteht das Schweigen aber aus Scham und Gruppendynamik. Aufwachen bedeutet in diesem Fall den Abschied vom Appellieren und eine Veränderung der Situation selbst, damit das Fragen zum leichteren Weg wird.


Was hinter dem Schweigen steckt


Bei genauerem Hinsehen scheitern Fragen auf drei Ebenen und diese Ebenen verstärken sich gegenseitig:


  • Auf der ersten Ebene bemerkt jemand die eigene Lücke überhaupt nicht. Ein unbekannter Begriff wird einfach überlesen und kein inneres Signal schlägt an und damit kann die Frage gar nicht erst entstehen.

  • Auf der zweiten Ebene wird die Lücke durchaus bemerkt und trotzdem bleibt die Frage im Hals stecken. Sie fühlt sich nämlich wie ein Eingeständnis mangelnder Kompetenz an und nicht wie ein ganz normaler Informationsbedarf. Dieses Gefühl wächst mit den Jahren im Unternehmen eher noch, denn bei langjährigen Kolleginnen und Kollegen meldet sich schnell der Gedanke „Das müsste ich eigentlich wissen“. Neue Teammitglieder fragen deshalb oft freier als die Erfahrenen.

  • Auf der dritten Ebene sendet das Umfeld Signale mit oft stärkerer Wirkung als jede offizielle Einladung. Ein beiläufiges „Das hatten wir doch schon“ oder ein kurzes Seufzen genügt völlig und beim nächsten Mal fragt niemand mehr.


Dazu kommt ein Phänomen aus dem Restaurant. Der Kellner erkundigt sich nach dem Essen und wir nicken mit vollem Mund trotz des kalten Tellers vor uns. Erst auf dem Heimweg sagt jemand „Meins war auch kalt“ und plötzlich wird das Nicken am ganzen Tisch sichtbar. Die Psychologie nennt das pluralistische Ignoranz und im Meeting funktioniert sie genauso: Jeder blickt in ruhige Gesichter und hält sich für den Einzigen mit einer offenen Frage.


Fünf Hebel für eine wirksame Fragekultur


Scham lässt sich nicht wegargumentieren. Man kann ihr nur die Grundlage entziehen und das gelingt am besten in einem Team, in dem Nichtwissen sichtbar zum Normalfall gehört. Für Führungskräfte heißt das weniger an die Menschen appellieren und stattdessen Situationen gestalten, in denen das Fragen leichter fällt als das Schweigen:


  • Nichtwissen sichtbar machen. Vor einer Besprechung markieren alle Beteiligten für sich die unklaren Begriffe und beim Abgleich zeigen sich dann Lücken bei jedem Einzelnen, auch bei den Erfahrensten im Raum.

  • Erst schreiben und dann sprechen. Eine aufgeschriebene Frage kostet deutlich weniger Überwindung als eine laut ausgesprochene vor der ganzen Gruppe. Ein kurzer Moment im Chat oder auf einem Zettel trennt deshalb die inhaltliche Frage von der Hürde des Sprechens.

  • Fragen entpersonalisieren. Gesammelte oder anonyme Fragen nehmen den Druck von der einzelnen Person und niemand muss die eigene Lücke vor allen anderen persönlich unterschreiben.

  • Kleine Gruppe vor großer Runde. Zu dritt fragt fast jeder nach und vor dreißig Leuten fast niemand. Unklare Punkte gehören deshalb zuerst in kleine Runden und erst danach in die große Runde.

  • Vorbild von oben. Der stärkste Hebel liegt bei der Führungskraft selbst. Ein ehrliches „Das habe ich nicht verstanden“ aus dem Mund der ranghöchsten oder fachlich stärksten Person verschiebt die Norm im Raum sofort und stärker als jede Aufforderung.


Was Führungskräfte als Erklärende tun können


Das Entstehen von Fragen hängt nicht nur von den Zuhörenden ab, sondern ganz wesentlich von unserer eigenen Art zu erklären und zu reagieren. Die Frage „Alles klar?“ funktioniert wie das Häkchen unter den AGB: Alle klicken auf Ja und kaum jemand hat wirklich gelesen. Eine Formulierung wie „Welcher Teil ist noch unscharf?“ erlaubt dagegen ausdrücklich ein Stück Unklarheit und öffnet damit den Raum für eine echte Antwort.


Eine wiederholte Frage sagt oft weniger über den Fragenden aus als über die Qualität der eigenen Erklärung. Mit diesem Blick wandert die Verantwortung genau an die richtige Stelle und niemand muss sich für sein Nachfragen rechtfertigen. Und schließlich hilft es enorm nach der Frage in die Runde ein paar Sekunden Stille auszuhalten. Das Formulieren im Kopf dauert nämlich meistens länger als die Geduld der Moderation und genau in diesen Sekunden entstehen die Fragen, die sonst nie gestellt worden wären.


Die teuerste Frage ist die ungestellte


Eine offene Fragekultur entsteht nicht durch einen einzigen Appell. Sie wächst aus vielen kleinen Situationen mit einer immer gleichen Erfahrung: Meine Frage ist willkommen und sie bringt dem ganzen Team etwas. Für Führungskräfte ist das eine der lohnendsten Investitionen überhaupt, denn sie spart Nacharbeit und verteilt Wissen im Team und stärkt ganz nebenbei die psychologische Sicherheit als Grundlage jeder guten Zusammenarbeit.


Dumme Fragen gibt es keine und die teuersten Fragen sind immer die ungestellten. Wer dieses Thema mit dem eigenen Team angehen möchte, findet mit meinen personalisierten Firmenworkshops einen Rahmen für Fragekultur zum Erleben statt zum Erklären. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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