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Wenn etwas zum Mittelpunkt wird

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 5 Tagen
13 Min. Lesezeit

Essstörungen und Sucht verstehen. Teil 7 der Serie über psychische Erkrankungen.


Tom ist 41 und Vertriebsleiter. Früher trank er am Wochenende ein paar Bier mit Freunden und das war es. Irgendwann kam das Feierabendbier dazu, weil die Tage so lang waren und er abschalten wollte. Aus einem Bier wurden zwei und dann eine Flasche Wein. Heute stehen leere Flaschen im Keller, die seine Frau nicht sehen soll. Morgens zittern manchmal seine Hände, bis er etwas getrunken hat. Wenn ihn jemand darauf anspricht, sagt er, er habe alles im Griff und könne jederzeit aufhören. Sophie ist 19 und studiert Medizin. Sie ist ehrgeizig und diszipliniert und war immer die Beste in ihrer Klasse. Vor zwei Jahren hat sie angefangen, auf ihre Ernährung zu achten. Was als gesunder Vorsatz begann, ist zu einem Gefängnis geworden. Ihr ganzer Tag dreht sich um das Essen und darum, es zu vermeiden. Ihre Freundinnen machen sich Sorgen und Sophie versteht nicht warum. Wenn sie in den Spiegel schaut, sieht sie etwas völlig anderes als die anderen. Tom und Sophie scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben. Und doch ähneln sich ihre Welten auf eine bemerkenswerte Weise. In beiden Leben ist etwas zum Mittelpunkt geworden, um den sich alles andere dreht. Das kann eine Substanz sein oder ein Verhalten oder das Essen. Und in beiden Leben hat dieses Etwas einmal eine Aufgabe erfüllt, bevor es selbst zum Problem wurde.


Was die ICD-11 neu sortiert hat


Im triadischen System gehörten Süchte und Essstörungen zu den psychogenen Störungen. In der ICD-11 haben sie jeweils eigene Gruppen. Die Gruppe der Störungen durch Substanzgebrauch oder Verhaltenssüchte fasst erstmals stoffgebundene und nicht stoffgebundene Süchte zusammen. Damit erkennt die ICD-11 an, dass im Gehirn bei einer Glücksspielsucht ähnliche Vorgänge ablaufen wie bei einer Alkoholabhängigkeit. Bei den Substanzen unterscheidet sie nun zwischen einer einzelnen Episode schädlichen Gebrauchs, einem schädlichen Gebrauchsmuster und der Abhängigkeit. Für die Abhängigkeit nennt die ICD-11 drei Kernmerkmale. Das erste ist die verminderte Kontrolle über den Konsum. Das zweite ist der wachsende Vorrang, den der Konsum vor anderen Interessen und Pflichten bekommt. Das dritte sind körperliche Anzeichen wie Toleranz und Entzug. Liegen zwei davon über einen längeren Zeitraum vor, spricht man von Abhängigkeit.


Bei den Verhaltenssüchten steht die Glücksspielstörung jetzt neben der neuen Computerspielstörung, die online wie offline auftreten kann. Das zwanghafte Sexualverhalten findet sich dagegen bei den Impulskontrollstörungen. Eine eigene Diagnose für Kaufsucht oder Social-Media-Sucht gibt es bisher nicht, auch wenn darüber viel geforscht wird. Die Gruppe der Fütter- und Essstörungen wurde ebenfalls erweitert. Neben der Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa gibt es jetzt endlich auch die Binge-Eating-Störung als eigene Diagnose, obwohl sie die häufigste Essstörung überhaupt ist. Neu ist außerdem die vermeidend-restriktive Ernährungsstörung, bei der Menschen nicht aus Angst vor Gewichtszunahme wenig essen, sondern aus Ekel vor bestimmten Konsistenzen oder aus Angst vor Erbrechen oder Ersticken. Dazu kommen die Pica, bei der Nicht-Essbares gegessen wird, und die Ruminationsstörung, die früher bei den Störungen des Kindesalters standen.


Was im Gehirn geschieht


Um Süchte zu verstehen, müssen wir einen Blick auf das Belohnungssystem im Gehirn werfen. Der Botenstoff Dopamin spielt hier eine zentrale Rolle. Lange dachte man, Dopamin sei das Glückshormon. Die Forscher Kent Berridge und Terry Robinson haben gezeigt, dass das so nicht stimmt. Dopamin ist weniger für das Mögen zuständig als für das Wollen. Es markiert, was wir begehren und wonach wir streben sollen. Bei einer Sucht entkoppeln sich diese beiden Systeme. Das Wollen wird immer stärker und das Mögen immer schwächer. Ein abhängiger Mensch verlangt also immer heftiger nach seiner Substanz, obwohl sie ihm immer weniger Freude bereitet. Viele Betroffene beschreiben genau das. Das erste Glas Wein am Abend war früher ein Genuss. Heute ist es nur noch der Versuch, sich wieder normal zu fühlen.


Wer den letzten Artikel über Psychosen gelesen hat, erkennt hier eine Verwandtschaft. Dort ging es um aberrante Salienz, also darum, dass das Gehirn belanglose Dinge als hochbedeutsam markiert. In der Sucht geschieht etwas Ähnliches, nur viel gezielter. Alles, was mit der Substanz zu tun hat, bekommt eine enorme Bedeutung. Das kann der Geruch einer Kneipe sein oder das Klirren von Flaschen oder ein bestimmter Wochentag. Diese Reize lösen dann ein Verlangen aus, das die Fachsprache Craving nennt. Bei Verhaltenssüchten kommt ein weiterer Mechanismus hinzu, den ich in meinem Artikel über Dating-Apps unter dem Titel »Das Casino in Deiner Hosentasche« ausführlich beschrieben habe. Der Verhaltensforscher B. F. Skinner fand heraus, dass Belohnungen am stärksten wirken, wenn sie unvorhersehbar sind. Ein Spielautomat belohnt nicht jedes Mal, sondern zufällig, und genau das macht ihn so fesselnd. Dasselbe Prinzip steckt in Sportwetten und Lootboxen in Videospielen und in jedem Neuladen eines Social-Media-Feeds.


Die Welt im Verlangen


Wie fühlt sich die Welt in der Sucht an? Betrachten wir sie wieder mit den Augen der Submodalitäten. Wenn das Verlangen kommt, zieht sich die Welt zu einem Tunnel zusammen. Am Ende dieses Tunnels steht die Substanz oder das Verhalten, hell und nah und unwiderstehlich. Alles andere verblasst und rückt an den Rand. Die Zeit schrumpft auf das Jetzt zusammen. Die Zukunft mit ihren Folgen ist plötzlich weit weg und unwichtig, während das Verlangen in diesem Moment alles bestimmt. Viele Menschen beschreiben eine Art innere Stimme, die verhandelt und rechtfertigt. »Heute war ein harter Tag. Nur dieses eine Mal. Morgen hörst Du auf.«


Nach dem Konsum folgt oft eine kurze Erleichterung, als würde eine Spannung nachlassen. Danach wird die Welt flach und grau. Und dann kommt häufig die Scham, gefolgt von dem Versuch, diese Scham wieder mit der Substanz zu betäuben. So entsteht ein Kreislauf, aus dem es immer schwerer wird herauszukommen. Das Lehrbuch beschreibt die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit nach dem amerikanischen Forscher Elvin Morton Jellinek in mehreren Phasen. Am Anfang steht das Trinken zur Entspannung und Erleichterung. Darauf folgt eine Phase, in der heimlich getrunken wird und Erinnerungslücken auftreten. In der kritischen Phase geht die Kontrolle verloren und der Mensch kann nach dem ersten Glas nicht mehr aufhören. In der chronischen Phase schließlich bestimmt der Alkohol das ganze Leben. Jellinek hat außerdem verschiedene Trinkertypen beschrieben. Dazu gehören der Konflikttrinker, der Spiegeltrinker, der ständig einen bestimmten Pegel braucht, und der Quartalstrinker, der lange Zeit nichts trinkt und dann tagelang exzessiv. Diese Einteilung wird heute nicht mehr offiziell verwendet. Sie hilft aber noch immer, die Vielfalt der Suchtverläufe zu verstehen.


Nicht warum die Sucht, sondern warum der Schmerz


Der kanadische Arzt Gabor Maté hat viele Jahre mit schwer abhängigen Menschen in Vancouver gearbeitet. Er hat einen Gedanken formuliert, der meine Sicht auf Süchte verändert hat. Die eigentliche Frage sei nicht, warum jemand süchtig ist, sondern welchen Schmerz er mit seiner Sucht zu lindern versucht. Fast jede Sucht beginnt als Lösung. Alkohol löst Anspannung und Hemmungen. Essen tröstet und Hungern gibt das Gefühl von Kontrolle. Glücksspiel bringt Aufregung in ein leeres Leben und Videospiele bieten eine Welt, in der man erfolgreich und anerkannt ist. Das Lehrbuch beschreibt diesen Mechanismus sehr nüchtern. Psychotrope Substanzen verbessern vorübergehend eine als unbefriedigend empfundene Situation oder Stimmung. Wenn die Wirkung nachlässt, folgt die Ernüchterung und mit ihr das Bedürfnis nach erneuter Einnahme.


Hier begegnen wir wieder vielen Themen dieser Serie. Viele Menschen mit Süchten haben Traumata erlebt und betäuben mit der Substanz die Erinnerungen und die innere Unruhe. Viele leiden unter Depressionen oder Angststörungen und versuchen sich selbst zu behandeln. Und viele tragen jene toxische Scham in sich, über die ich in einem eigenen Artikel geschrieben habe. In den 1970er Jahren führte der kanadische Psychologe Bruce Alexander ein berühmtes Experiment durch, das als Rattenpark bekannt wurde. Ratten in engen und einsamen Käfigen tranken viel mehr morphinhaltiges Wasser als Ratten in einem großen Gehege mit Artgenossen und Spielmöglichkeiten. Die Ergebnisse ließen sich nicht in allen Punkten bestätigen und das Experiment wird heute differenzierter gesehen. Die Grundidee hat aber viele Forscher geprägt. Ein Leben voller Verbundenheit und Sinn ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen Sucht.


Damit schließt sich der Kreis zu meinem Artikel über ein gefühltes Leben. Wer viele Quellen hat, aus denen er Freude und Halt schöpft, braucht keine einzelne Quelle, an die er sich klammert. Gleichzeitig wäre es zu einfach, Sucht nur psychologisch zu erklären. Gene spielen eine deutliche Rolle, ebenso die Verfügbarkeit einer Substanz und das soziale Umfeld. Und manche Substanzen machen schlicht durch ihre chemische Wirkung abhängig, ganz unabhängig von der Lebensgeschichte eines Menschen.


Die Welt im Spiegel: Magersucht


Kehren wir zu Sophie zurück. Die Anorexia nervosa, im Alltag Magersucht genannt, ist eine der schwersten psychischen Erkrankungen überhaupt. Sie hat die höchste Sterblichkeit aller psychischen Störungen. Betroffene halten ihr Körpergewicht durch Einschränkung der Nahrung deutlich zu niedrig, oft verbunden mit übermäßiger Bewegung. Sie haben große Angst vor einer Gewichtszunahme, selbst wenn sie stark untergewichtig sind. Wie fühlt sich diese Welt von innen an? Das Erstaunlichste für Außenstehende ist die veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wenn Sophie in den Spiegel schaut, sieht sie nicht den abgemagerten Körper, den ihre Freundinnen sehen. Sie sieht Stellen, die ihr zu dick erscheinen. Die Fachsprache nennt das Körperschemastörung. Das Bild im Spiegel ist für sie verzerrt, so wie in einem Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt, nur dass sie nicht weiß, dass der Spiegel verzerrt ist.


Dazu kommt etwas, das viele Betroffene beschreiben und das Angehörige besonders schwer verstehen. Das Hungern fühlt sich nicht nur als Leid an. Es fühlt sich auch wie ein Erfolg an. In einer Welt, in der vieles unkontrollierbar scheint, gibt es einen Bereich, über den sie die volle Kontrolle hat. Jeder Verzicht ist ein kleiner Triumph und jeder Bissen eine Niederlage. Viele Betroffene beschreiben die Magersucht wie eine eigene Stimme, die streng und fordernd ist und zugleich wie eine Beschützerin wirkt. Deshalb erleben viele ihre Erkrankung anfangs als ich-synton, also als Teil von sich selbst, den sie nicht hergeben wollen.


Das Lehrbuch nennt einige Persönlichkeitsmerkmale, die bei Menschen mit Magersucht häufig zu finden sind. Dazu gehören Perfektionismus und hohe Leistungsansprüche und ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Sophie ist dafür ein typisches Beispiel. Die Erkrankung beginnt meist in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter und betrifft deutlich häufiger Frauen als Männer. Der Körper zahlt einen hohen Preis. Herz und Knochen und Hormone und das Gehirn werden durch den Mangel geschädigt. Und das Gehirn verändert sich dabei auf eine Weise, die die Erkrankung weiter festigt. Ein hungerndes Gehirn denkt starrer und kreist immer stärker um das Thema Essen. Deshalb ist eine Normalisierung der Ernährung immer der erste Schritt jeder Behandlung, bevor die psychologische Arbeit wirklich greifen kann.


Die Welt im Kreislauf: Bulimie und Binge Eating


Bei der Bulimia nervosa wechseln sich Essanfälle mit Maßnahmen ab, die eine Gewichtszunahme verhindern sollen. Betroffene sind meist normalgewichtig, weshalb die Erkrankung von außen oft lange unbemerkt bleibt. Viele schämen sich zutiefst und verbergen ihr Verhalten jahrelang vor ihren engsten Menschen.


Bei der Binge-Eating-Störung kommt es ebenfalls zu wiederholten Essanfällen, bei denen Menschen in kurzer Zeit große Mengen essen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren. Anders als bei der Bulimie folgen darauf keine gegensteuernden Maßnahmen. Viele Betroffene sind deshalb übergewichtig und erleben neben der Erkrankung auch noch Stigmatisierung. Sie hören Sätze wie »Iss doch einfach weniger«, als wäre das eine Frage des Willens.


Wie fühlt sich ein Essanfall von innen an? Viele beschreiben einen tranceartigen Zustand. Die Welt um sie herum verschwindet und sie spüren kaum noch, was und wie viel sie essen. Das Essen betäubt für einen Moment Gefühle, die sonst nicht auszuhalten wären, etwa Einsamkeit, Leere, Wut oder Traurigkeit. Danach folgt oft eine Welle von Scham und Selbstverachtung. Und diese Scham wird wiederum zum Auslöser für den nächsten Essanfall. Auch hier zeigt sich derselbe Kreislauf wie bei den Süchten.


Wenn Männer betroffen sind


Essstörungen gelten oft als Frauenkrankheit. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Auch Männer erkranken, und bei der Binge-Eating-Störung ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern sogar relativ gering. Bei Männern werden Essstörungen aber seltener erkannt, weil niemand an sie denkt und weil die Betroffenen sich noch mehr schämen. Eine besondere Form zeigt sich in der Fitnesskultur. Bei der Muskeldysmorphie, im Alltag manchmal Bigorexie genannt, empfinden sich Männer als zu schmächtig, obwohl sie längst sehr muskulös sind. Sie trainieren zwanghaft und kontrollieren ihre Ernährung streng. Manche greifen zu Anabolika und leiden, wenn sie einmal ein Training auslassen müssen. Die ICD-11 ordnet die Muskeldysmorphie der körperdysmorphen Störung zu, die wir im Artikel über Angst und Zwang kennengelernt haben.


Ich möchte hier eine Unterscheidung machen, die mir wichtig ist. In meinem Artikel über ein gefühltes Leben habe ich geschrieben, dass Sport und ein kräftiger Körper und eine gute Ernährung zu den Quellen von Wohlbefinden gehören. Das gilt weiterhin. Der Unterschied liegt darin, ob der Körper ein Freund ist, den man pflegt, oder ein Feind, den man bezwingen muss. Wer trainiert, weil es ihm Freude macht und ihn stärkt, lebt gesund. Wer trainiert, weil er Angst hat, was passiert, wenn er es nicht tut, sollte genauer hinschauen.


Die Welt ohne Pause: Glücksspiel und Computerspiel


Kevin ist 24 und hat vor drei Jahren mit Sportwetten begonnen, zuerst aus Spaß bei Fußballspielen mit Freunden. Dann kamen die Apps aufs Handy, mit denen man rund um die Uhr wetten kann, auf jedes Spiel und jede Ecke und jedes Tor. Kevin hat einmal einen großen Gewinn gemacht, und seitdem jagt er diesem Gefühl hinterher. Heute hat er Schulden bei Freunden und bei der Bank. Er hat aufgehört zu zählen, wie oft er sich vorgenommen hat aufzuhören.


Die Glücksspielstörung ist eine der am besten erforschten Verhaltenssüchte. In Deutschland sind nach aktuellen Erhebungen über eine Million Menschen betroffen. Typisch ist das sogenannte Chasing, also der Versuch, verlorenes Geld durch weiteres Spielen zurückzugewinnen. Eine besondere Rolle spielen die Beinahe-Gewinne. Wenn auf dem Automaten zwei Kirschen erscheinen und die dritte knapp verfehlt wird, reagiert das Gehirn fast so stark wie bei einem echten Gewinn. Die Spielindustrie weiß das sehr genau und baut solche Momente gezielt ein.


Die Computerspielstörung betrifft vor allem junge Männer. Wichtig ist dabei eine Unterscheidung. Nicht jeder, der viel spielt, ist süchtig. Entscheidend sind die drei Merkmale, die die ICD-11 beschreibt. Der Mensch hat die Kontrolle über das Spielen verloren. Das Spielen hat Vorrang vor allen anderen Interessen und Pflichten. Und er spielt weiter, obwohl er dadurch deutliche Nachteile in Schule, Beruf oder Beziehungen erlebt. Dieses Muster muss in der Regel über mindestens ein Jahr bestehen.


Was hilft


Süchte und Essstörungen sind behandelbar, auch wenn der Weg oft lang ist und Rückfälle dazugehören. Ein Rückfall ist kein Scheitern, sondern ein Teil des Prozesses, aus dem man lernen kann. Bei einer körperlichen Abhängigkeit von Alkohol oder Beruhigungsmitteln ist ein wichtiger Sicherheitshinweis nötig. Ein plötzlicher Entzug kann lebensgefährlich werden. Es können Krampfanfälle oder ein Delir auftreten. Wer stark abhängig ist, sollte deshalb niemals allein und ohne ärztliche Begleitung aufhören. Ein qualifizierter Entzug findet meist in einer Klinik statt. Danach folgt eine Entwöhnungsbehandlung, die ambulant oder stationär sein kann und in der die psychologischen Hintergründe bearbeitet werden. Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker haben vielen Menschen geholfen, langfristig abstinent zu bleiben.


Ein Ansatz hat die Suchtbehandlung besonders geprägt. Die Psychologen William Miller und Stephen Rollnick haben die Motivierende Gesprächsführung entwickelt. Sie geht davon aus, dass fast jeder abhängige Mensch zwiegespalten ist. Ein Teil von ihm möchte aufhören und ein anderer Teil möchte weitermachen. Statt den Menschen mit Argumenten zu überzeugen, hilft man ihm, diese Zwiespältigkeit selbst zu erkunden und seine eigenen Gründe für eine Veränderung zu finden. Das passt wunderbar zu dem, was ich in dieser Serie immer wieder über innere Anteile geschrieben habe.


Bei Essstörungen steht am Anfang immer die körperliche Stabilisierung. Danach helfen vor allem kognitive Verhaltenstherapie und psychodynamische Verfahren. Bei Jugendlichen mit Magersucht hat sich eine familienbasierte Behandlung bewährt, bei der die Eltern vorübergehend die Verantwortung für das Essen übernehmen. Bei schweren Verläufen ist eine stationäre Behandlung in einer spezialisierten Klinik oft notwendig. Für Heilpraktiker für Psychotherapie gilt bei beiden Themen eine klare Grenze. Bei Abhängigkeiten mit körperlichen Entzugserscheinungen und bei Essstörungen mit deutlichem Untergewicht muss immer eine ärztliche Begleitung stattfinden. Psychotherapeutische Unterstützung ist dann in Absprache mit den behandelnden Ärzten möglich.


Wie Du mit einem betroffenen Menschen sprichst


Bei Süchten wie bei Essstörungen gibt es eine gemeinsame Grundregel. Vorwürfe und Druck bewirken fast immer das Gegenteil. Sie verstärken die Scham, und Scham ist einer der stärksten Antreiber für das süchtige Verhalten. Sprich in einem ruhigen Moment und nicht während oder direkt nach einem Rausch oder Essanfall. Sprich von Dir und Deiner Sorge statt von seinen Fehlern. Ein »Ich mache mir Sorgen um Dich, weil ich merke, dass Du abends immer mehr trinkst« kommt anders an als ein »Du bist ja schon wieder betrunken«. Stell Fragen und hör zu, statt Vorträge zu halten. Und erwarte nicht, dass ein einziges Gespräch alles verändert. Oft braucht es viele Anläufe, bis ein Mensch bereit ist, Hilfe anzunehmen.


Bei Essstörungen ist ein weiterer Punkt wichtig. Kommentiere weder das Gewicht noch das Aussehen, und das gilt auch für Komplimente. Ein »Du hast aber toll abgenommen« kann für einen Menschen mit beginnender Magersucht wie ein Treibstoff wirken. Sprich lieber über Gefühle und über das, was Du an ihm schätzt und was nichts mit seinem Körper zu tun hat. Und lass Dich nicht in einen Machtkampf ums Essen ziehen, den Du nur verlieren kannst.


Wie Du Dich als Angehöriger schützt


Für Angehörige von suchtkranken Menschen gibt es einen Begriff, der viel erklärt. Co-Abhängigkeit beschreibt ein Muster, bei dem Angehörige unbewusst dazu beitragen, dass die Sucht weiter bestehen kann. Sie entschuldigen den Betroffenen beim Arbeitgeber und begleichen seine Schulden. Sie verstecken die Flaschen vor den Kindern und übernehmen immer mehr seiner Aufgaben. All das geschieht aus Liebe und dem Wunsch zu helfen. Es nimmt dem Abhängigen aber die Folgen seines Verhaltens ab, die ihn vielleicht zum Umdenken bewegen würden. Schützen kannst Du Dich und den anderen, indem Du Verantwortung dort lässt, wo sie hingehört. Du bist nicht verantwortlich für seine Sucht und Du kannst sie nicht für ihn heilen. Du darfst aufhören, ihn zu decken und seine Probleme zu lösen. Du darfst klare Grenzen setzen, zum Beispiel dass in Deiner Gegenwart nicht getrunken wird oder dass Du kein Geld mehr leihst. Und Du darfst diese Grenzen auch durchsetzen.


Ein besonders gut erforschter Ansatz für Angehörige ist das CRAFT-Programm, das auf Deutsch etwa gemeindeorientiertes Verstärkungs- und Familientraining heißt. Angehörige lernen dort, abstinentes Verhalten zu belohnen und negative Folgen des Konsums nicht mehr abzufangen und gleichzeitig auf ihre eigene Lebensqualität zu achten. In Studien konnten viele Angehörige auf diese Weise ihre Liebsten dazu bewegen, eine Behandlung zu beginnen. Und selbst wenn das nicht gelang, ging es den Angehörigen selbst deutlich besser. Vergiss dabei Dich selbst nicht. Angehörige von Suchtkranken leiden oft jahrelang im Stillen und geben ihr eigenes Leben auf. Gruppen wie Al-Anon für Angehörige von Alkoholkranken oder Beratungsstellen der Suchthilfe bieten Unterstützung. Dort triffst Du Menschen, die genau wissen, wovon Du sprichst.


Was ich als Trainer daraus mitnehme


In meiner Arbeit begegne ich vielen Menschen, die mit kleinen und großen Abhängigkeiten ringen. Da ist das Handy, das man nicht aus der Hand legen kann. Da ist das Glas Wein, das zur Gewohnheit geworden ist, oder das Training, das sich nicht mehr nach Freude anfühlt. Nicht alles davon ist eine Sucht im medizinischen Sinn. Doch hinter vielen dieser Muster steht dieselbe Frage, die Gabor Maté stellt. Welchen Schmerz versucht dieser Mensch zu lindern? Wenn ich mit Klienten an solchen Themen arbeite, frage ich nicht zuerst danach, wie sie aufhören können.


Ich frage danach, was ihnen das Verhalten gibt und was ihnen fehlen würde, wenn es weg wäre. Oft zeigt sich dann ein Bedürfnis nach Ruhe oder Trost oder Aufregung oder Zugehörigkeit. Und dann suchen wir gemeinsam nach anderen Wegen, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Genau das meinte ich mit dem gefühlten Leben. Je mehr gesunde Quellen ein Mensch hat, desto weniger braucht er die eine ungesunde. Und ich habe gelernt, die Grenzen meiner Arbeit zu kennen. Wenn ich Anzeichen einer körperlichen Abhängigkeit oder einer Essstörung bemerke, dann ermutige ich den Menschen, sich ärztliche Hilfe zu holen. Das gehört nicht in ein Coaching allein.


Zurück zu Tom und Sophie


Tom hat irgendwann einen Satz von seiner Tochter gehört, der ihn mehr getroffen hat als jeder Vorwurf seiner Frau. Sie fragte ihn, warum er abends immer so komisch sei. Ein paar Wochen später ging er zum ersten Mal zu einer Suchtberatungsstelle. Er machte einen Entzug in einer Klinik und danach eine ambulante Therapie. Er sagt heute, das Schwerste sei nicht der körperliche Entzug gewesen. Das Schwerste sei gewesen, zu lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen, ohne sie wegzutrinken. Sophie wurde von ihrer Mitbewohnerin zu einem Arztbesuch überredet und verbrachte danach einige Monate in einer spezialisierten Klinik. Der Weg war lang und mit Rückschritten verbunden. Ein entscheidender Moment kam, als ihre Therapeutin sie bat, die Stimme der Magersucht von ihrer eigenen Stimme zu unterscheiden. Zum ersten Mal hörte Sophie, dass es da zwei Stimmen gab. Und sie entdeckte, dass ihre eigene Stimme eigentlich etwas ganz anderes wollte als die strenge Stimme, die sie so lange für sich selbst gehalten hatte.


Im nächsten Artikel geht es um Menschen, deren Gehirn von Anfang an anders verdrahtet ist, und um Menschen, deren Gedächtnis langsam schwindet. Wir schauen uns Autismus und ADHS an und ebenso Demenz und Delir und fragen, wie sich die Welt anfühlt, wenn das Gehirn anders arbeitet als bei den meisten anderen Menschen. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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