Erlange die Meisterschaft über Deine Emotionen und Gefühle – Teil 15
- Florian Stotz

- 23. Sept. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug.
Eine Artikelserie als Reise aus dem emotionalen Gefängnis.
Nachdem Du Dir die zweite Schlüsselfähigkeit der emotionalen Wahlfreiheit zugänglich gemacht hast, geht es heute in einem großen Hechtsprung weiter zur dritten. In diesem Artikel erfährst Du, wie Du den Umgang mit Deinen Emotionen gestaltest und ihn mit einem Format verändern kannst.
Den Umgang mit Emotionen lernen
Die meisten Menschen versuchen, bestimmte Emotionen zu vermeiden, und fühlen sich schlecht, wenn ihnen das nicht gelingt. In Zuständen wie Schuld, Angst, Scham, Sorge, Eifersucht oder Wut befinden sich viele in einer wenig ressourcenreichen Verfassung. Damit meine ich, dass die Anbindung eines Menschen an seine innere Stärke durch diese Zustände benebelt wird. Einmal von solchen Emotionen ergriffen, wünschen sich viele nur noch, wieder aus dem Erleben herauszufinden. Der erste Schritt dorthin besteht darin, mit der Emotion in Kontakt zu treten. Und um mit ihr in Kontakt zu treten, braucht es zweierlei: die Wahrnehmung und die darauf folgende Annahme, die Akzeptanz der Emotion. Schon damit setzt Du einen Prozess des Loslassens in Gang.
Zu Beginn dieser Serie hast Du kennengelernt, dass Deine Emotionen wie fürsorgliche Freunde sind, die Dir signalisieren, dass in einer Situation Deine Aufmerksamkeit gefragt ist. Unangenehme Emotionen weisen Dich auf etwas hin und überbringen ihre Botschaft auf eine schmerzhafte Weise. Stell Dir vor, Du schneidest Dir mit einem scharfen Messer in den Finger. Sicher würdest Du den verletzten Finger mit den passenden Mitteln versorgen, und Deine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf diese Versorgung. Ist es dann nicht töricht, die eigenen Emotionen und das, was sie Dir mitteilen wollen, zu ignorieren? Wie unangenehm oder abstoßend Dir eine Emotion auch erscheinen mag, sie ist ein wertvolles Signal. Und sei die Botschaft nur die, dass es Zeit wird, einen alten Auslöser aus einer vergangenen Situation aufzulösen, der diese Emotion überhaupt erst entstehen lässt.
In früheren Artikeln habe ich beschrieben, dass genau dieses Anliegen, das eine Emotion Dir übermitteln will, ihr funktionales Attribut ist. Selbst die unangenehmsten Emotionen tragen ein funktionales Attribut und können nützlich sein, wenn Du sie als Hinweis auf Deine Bedürfnisse verstehst. Den Umgang mit Deinen Emotionen zu lernen, ist die dritte Schlüsselfähigkeit der emotionalen Wahlfreiheit, und in ihrem Zentrum steht das funktionale Attribut. Sobald Du es für eine Emotion erkannt hast, verwandelt sie sich in etwas, das es wert ist, erlebt und genutzt zu werden. Es lohnt sich also, Bedauern, Schuld oder Frustration zu empfinden, wenn Dir bewusst ist, worauf sie Dich hinweisen. Oder lohnt es sich etwa nicht, zu bemerken, wann Du einen Fehler gemacht, Deine Werte verletzt oder ein Ziel noch nicht erreicht hast? Es geht nicht nur darum, Emotionen zu fühlen und auszudrücken, sondern auch darum, auf sie einzugehen.
Was nützt es Dir, etwas zu bereuen, wenn dieses Bedauern Deine Haltung und Dein künftiges Verhalten nicht verändert? Höchstens das eine sagt es Dir dann, dass Du noch mitten in einem Wandel steckst, den Du anerkennen darfst, um weiterzugehen. Es hat wenig Sinn, Schuld zu empfinden, wenn dieses Schuldgefühl nicht Deinen Vorsatz stärkt, Deine Werte künftig einzuhalten. Und ähnlich verhält es sich mit der Frustration, denn sie hilft Dir wenig, wenn Du in ihr verharrst, statt Dich von ihr zu kreativen Schritten in Richtung Deines Ziels antreiben zu lassen. Das funktionale Attribut einer unangenehmen Emotion legt fest, was Du tun kannst, um stimmig auf sie einzugehen.
Die Generative Kette zur Veränderung von unangenehmen Emotionen
Ein wirkungsvolles Mittel, um unangenehme Emotionen in stimmigere zu verwandeln und aus ihnen sinnvolles Verhalten zu schöpfen, ist die generative Kette. Sie gehört zu den ersten Techniken, die Leslie Cameron-Bandler und Richard Bandler entwickelten, als sie nach Wegen suchten, Menschen von der Wirkung lähmender Emotionen zu befreien. Dazu zählen auch Emotionen, die mit wiederkehrenden Themen im Leben eines Menschen verknüpft sind. Die generative Kette nutzt das funktionale Attribut einer Emotion und ein bestimmtes Ergebnis im Kopf. Von dort aus verkettest Du die unangenehme Emotion mit anderen, die Dich in einen stimmigeren Zustand führen. Du kannst Dir viel Geld sparen, wenn Du Dir die Fähigkeiten aus dieser Serie selbst aneignest. Und stell Dir einmal vor, in welcher Welt wir leben würden, wenn wir unser Wissen einfach miteinander teilten.
Der Prozess heißt Verketten, weil das Ergebnis einer Kette gleicht, deren einzelne Glieder aus Emotionen bestehen. Es entsteht eine Abfolge von Emotionen, die sich, sobald die unangenehme Emotion im Alltag ausgelöst wird, automatisch in Gang setzt. Solche Abfolgen gibt es bei jedem Menschen, doch nicht alle stehen im Dienst eines stimmigen Zustands. Ein häufiges Beispiel für eine unstimmige Kette sieht so aus: Ein Mensch fühlt sich überfordert, aus der Überforderung wächst ein Gefühl der Unzulänglichkeit, aus der Unzulänglichkeit Hoffnungslosigkeit und aus der Hoffnungslosigkeit eine gedrückte, depressive Stimmung. Über eine solche Kette kann jemand innerhalb weniger Augenblicke von der Überforderung in einen dunklen Zustand abrutschen. Weitere unstimmige Emotionsketten sind etwa:
Verletztheit → Angst → Furcht → innerer Terror
Ungeduld → Frustration → Wut → Raserei
Eifersucht → Wut → Zurückweisung → Unwürdigkeit oder Aggression
Solche Ketten entstehen als direkte Folge davon, wie ein Mensch denkt, wahrnimmt und Bedeutung vergibt. Manche glauben zum Beispiel, alle ihre Ziele gleichzeitig erreichen zu müssen. Sobald dann auch nur eines nicht sofort gelingt, fühlen sie sich unzulänglich. In diesem Zustand beginnen viele, sich mit anderen zu vergleichen. Zu sehen, was andere schon erreicht haben und man selbst noch nicht, kann die Emotion weiter verstärken. Das ist ein kritischer Punkt, an dem sich die Unzulänglichkeit ohne Bewusstheit über die eigene Lage in Hoffnungslosigkeit verwandeln kann. Durch die Brille der Hoffnungslosigkeit verfärbt sich die Sicht auf die Welt plötzlich dunkel. Wird dann auch die Vergangenheit als miserabel betrachtet, schleicht sich leicht der Gedanke ein, auch die Zukunft müsse miserabel sein. Und wenn selbst die Zukunft düster erscheint, ist oft ein weiterer Schritt in eine Depression getan.
Was Dich von einem Kettenglied zum nächsten trägt, ist eine Mischung aus Perspektiven, inneren Vorstellungen (auch: Bildern und Filmen), inneren Dialogen, Deinem Selbstbild und der Art, wie Du über Dich selbst denkst. Genau hier zeigt sich, wie ein Mensch sein Verhalten, seine Emotionen und seine Gedanken gegen sich selbst richten kann. Wann also beendest Du bewusst diesen alten Nonsens, der schon viel zu lange in Dir wirkt, falls Du davon betroffen bist? Ist eine generative Kette aus Gedanken, Emotionen und Verhalten erst einmal geschmiedet, läuft sie beständig weiter. Stimmiger ist es, Dich auf ressourcenreiche und lohnende Ziele auszurichten, statt auf lähmende und ausweglos wirkende Zustände.
Deine Emotionen dienen Dir also als deutliche Signale. Auf die obigen Beispiele möchte ich noch genauer eingehen. Wenn Du Dich unzulänglich fühlst, kann es sein, dass Du Dir mehr Ziele auf einmal vornimmst, als in Deine verfügbare Zeit passen. Die Unzulänglichkeit ist dann oft das Signal, Deine Vorhaben neu zu bewerten und Prioritäten zu setzen. Du kannst dieses Signal mit einer wertschätzenden und respektvollen Haltung annehmen und genauer betrachten. Wenn Du dann mit einer Emotion der Neugier erkennst, dass sich manche Ziele auch später verwirklichen lassen, entsteht mehr Entspannung in Dir. Die verbleibenden Ziele ordnest Du nach Wichtigkeit, Zeitrahmen und Umsetzbarkeit. Anschließend erinnerst Du Dich an Zeiten, in denen Du bereits viele Ziele auf stimmige Weise erreicht hast. Zum Abschluss stellst Du Dir vor, wie Du auch diese Ziele in Zukunft erreichst, und stärkst so Dein Vertrauen in Deine Fähigkeit, sie Schritt für Schritt zu verwirklichen.
Dieses Beispiel ist eine generative Kette nach folgendem Muster: Überforderung → Respekt und Wertschätzung → Neugier → Entspannung → Beruhigung → Selbstvertrauen. Stell Dir vor, Du beginnst ab heute, eine unstimmige Emotion bewusst mit stimmigen zu verketten. Wenn Du diesen Prozess zwei Wochen lang dreimal täglich übst, wird Dein Unterbewusstsein die Kette mit der Zeit wie von selbst im Alltag ablaufen lassen. Magie? Nein, und doch. Mit einer generativen Kette werden tiefgreifende Veränderungen in Deinem Leben möglich. Sie lenkt Deine Aufmerksamkeit auf einen stimmigen, wirksamen Pfad, statt Dich innerlich umherirren und in unangenehmen Emotionen gefangen fühlen zu lassen. Im Übrigen sind diese generativen Ketten in Deinem Geist als Assoziationsketten organisiert.
Sobald Du das funktionale Attribut einer Emotion erkennst, kannst Du Dich neu ausrichten, auf eine stimmige Emotion und auf einen angemessenen Umgang mit der unstimmigen. Wenn Du zum Beispiel weißt, dass die Verletzlichkeit Dir signalisiert, gut für Dich selbst zu sorgen, dann setzt Du damit zugleich das Ziel: Tu etwas, das Dir guttut. Jede Emotion, die Dich darauf aufmerksam macht, dass Du für Dich sorgen musst (auch: Verletzlichkeit), dass Du eine andere Option finden solltest (auch: Festgefahrensein) oder dass Du Deine Ziele neu bewerten solltest (auch: Überforderung), verdient Respekt und Wertschätzung.
Vielleicht erscheint es Dir anfangs ungewohnt, verletzliche Emotionen oder ein Festgefahrensein mit Respekt und Wertschätzung anzunehmen. Denk aber daran, dass Menschen, die sich gut von schweren Krankheiten erholt haben, meist jene sind, die ihre Symptome als Signale verstehen. Diese Signale zeigen, was in ihnen vorgeht und worauf sie antworten müssen. Die Symptome bleiben unangenehm, und doch entsteht eine Dankbarkeit für die Hinweise des Körpers, weil sie es ermöglichen, angemessener zu handeln. Statt ihre Symptome zu hassen, richten solche Menschen ihre Aufmerksamkeit auf das, was sich schon jetzt tun lässt. Ähnlich sind unangenehme Emotionen erfahrbare Symptome auf der emotionalen Ebene, Hinweise darauf, was an dem, was Du gerade tust, noch nicht stimmig ist.
Vom funktionalen Attribut aus führt Dich die generative Kette durch eine Abfolge innerer Schritte. Zuerst nimmst Du die unstimmige Emotion bewusst wahr und wirst neugierig darauf, was Du in Bezug auf ihr funktionales Attribut tun kannst. Dann erinnerst Du Dich an beruhigende und stärkende Momente, in denen Du in anderen Lebensbereichen bereits getan hast, was jetzt gebraucht wird. Und schließlich stellst Du Dir lebhaft vor, wie Du in Zukunft genau das tust, was Du heute brauchst. So verbindet die generative Kette Deine gegenwärtigen Bedürfnisse mit den Ressourcen Deiner Vergangenheit und lädt Dich ein, Dich schon im Moment erfüllter zu fühlen und auf diesem nährenden Boden Schritt für Schritt in eine reichere Zukunft zu gehen.
Im nächsten Artikel lernst Du konkrete generative Ketten für zehn unstimmige Emotionen kennen. Außerdem erfährst Du das allgemeine Format, das ihnen zugrunde liegt, und kannst auf dieser Grundlage Deine eigenen Emotionsketten schmieden. Du wirst dabei auch erkennen, dass es für das Gehirn am leichtesten ist, etwas Bekanntes mit etwas Neuem zu verknüpfen, um große Veränderungen möglich zu machen. Bis dahin wünsche ich Dir eine wunderbare Zeit in Deinem Leben.
Bis zum nächsten Mal und Danke für Deine Zeit,
Dein Florian 🌈



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