Erlange die Meisterschaft über Deine Emotionen und Gefühle – Teil 14
- Florian Stotz

- 22. Sept. 2025
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug.
Eine Artikelserie als Reise aus dem emotionalen Gefängnis.
In den letzten Artikeln konntest Du Dir die erste Fähigkeit der emotionalen Wahlfreiheit zugänglich machen. Im heutigen Artikel geht es um die Einführung der zweiten Fähigkeit. Sie beinhaltet, wie Du Deine Emotionen stimmig ausdrücken kannst. Die Art und Weise, wie Du Deine Emotionen ausdrückst, hat einen großen Einfluss auf Deine zwischenmenschliche Kommunikation. Du wirst auch erfahren, welche Probleme entstehen können, wenn die eigenen Emotionen nicht ausgedrückt werden.
Der Ausdruck Deiner Emotion beeinflusst Deine zwischenmenschliche Kommunikation
Viele Menschen meinen, vom Verhalten anderer Menschen auf deren Innenleben schließen zu können. Das ist jedoch ein Fehlschluss, weil es einige Verhaltensweisen gibt, die nicht auf das Innenleben eines Menschen schließen lassen. Mit Sicherheit hast Du in Deinem Leben einmal eine Situation erlebt, in der Deine Emotionen nicht mit Deinem Verhalten übereingestimmt haben. Die gute Nachricht ist, dass Du nicht nur auswählen kannst, wie Du Dich fühlen willst, sondern auch, wie Du eine Emotion in Deinem Verhalten ausdrückst. Je mehr Wahlmöglichkeiten Du im emotionalen Ausdruck zur Verfügung hast, desto stimmiger wird sich auch Dein subjektives Erleben anfühlen.
Warum Du Deine Emotionen ausdrücken solltest
Die meisten Menschen scheinen ihr Selbstbild, ihre Emotionen und ihre Verhaltensweisen in ein und dasselbe Paket zu stopfen. Für viele trägt dieses Paket die Bezeichnung „Ich". Das Selbstbild liegt im „Wer ich bin", die Emotionen im „Was ich fühle" und die Verhaltensweisen im „Was ich mache". Weil diese drei Elemente in einem Paket stecken, werden Verhaltensweisen mit Worten wie „So bin ich halt" gerechtfertigt. Damit identifiziert sich ein Mensch auf der Basis seines Verhaltens.
In unserer Kultur gibt es Emotionen, die als falsch oder schlecht angesehen werden. Das gilt sowohl dafür, sie zu fühlen, als auch dafür, sie offen auszudrücken. Dazu zählen oft Erregtheit, Verwirrtheit, Neugier, Verantwortungslosigkeit, Hochmut und Neid. Dabei hat sehr wahrscheinlich jeder Mensch diese Emotionen schon einmal gefühlt. Die spezifischen Konditionierungen und Glaubenssätze einer Gesellschaft führen oft dazu, dass solche Emotionen nicht da sein und nicht ausgedrückt werden dürfen. Und weil eine Emotion da ist, die nach gesellschaftlicher Ansicht nicht da sein dürfte, entsteht eine innere Selbstkritik. Gerade weil diese Emotionen präsent sind, gelten sie manchem als Beweis für die eigene Unfähigkeit, Schwäche, Egoismus, Verdorbenheit oder Kindischsein, was zur Emotion der Scham führen kann. Denn weil die nicht erlaubten Emotionen da sind, kann mit einem selbst etwas nicht stimmen. Aus diesem Grund werden gesellschaftlich nicht erlaubte Emotionen oft abgespalten. Diese Abspaltung wiederum führt zu einer inneren Anspannung. Und aus diesem Grund gibt es nach wie vor Feiertage wie den Karneval. An diesen Tagen wird den Bürgern ein kontrolliertes Ausrasten ermöglicht.
Aufgrund solcher Schamgefühle bin ich davon überzeugt, dass wir in unserer westlichen Kultur in einem emotionalen Mittelalter leben. Ein Schamgefühl entsteht oft dadurch, dass bestimmte Emotionen in unserer Gesellschaft als „falsch" oder „schlecht" bewertet werden. Diese gesellschaftlichen Bewertungen führen dazu, dass Menschen ihre eigenen Emotionen ablehnen oder verurteilen. Wenn ein Mensch zum Beispiel Neid oder Gereiztheit empfindet, wird das nicht als Bestandteil der menschlichen Erfahrung akzeptiert, sondern als Hinweis auf einen dysfunktionalen Menschen. Innere Bewertungen und das Verurteilen von Emotionen erzeugen zudem ein negatives Selbstbild, das sich als Scham manifestieren kann. Scham ist also die Emotion, als Person grundsätzlich falsch oder minderwertig zu sein. Und in diesem Kontext nur deshalb, weil man eine gesellschaftlich verachtete Emotion empfindet.
Eine der wunderbaren Eigenschaften von Emotionen ist, dass sie Dir fortlaufend Feedback darüber geben, was in Dir vorgeht. Ich finde, es ist eine gesunde Lebensweise, wenn Du Deine Emotionen als Freunde mit gut gemeintem Feedback wahrnimmst. Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob man sich mürrisch fühlt oder mürrisch handelt. Sobald Du Deine Emotionen als Freunde wahrnimmst, wird es leichter zu erkennen, was in Dir vorgeht. Damit kannst Du das Ruder im Boot Deines Lebens übernehmen und entscheiden, wohin Du Deinen Fokus lenken willst. Durch die Veränderung Deines Fokus lenkst Du auch Dein subjektives Erleben. Deine Realität ist meist das, was Du daraus machst.
Wenn Menschen ihre Emotionen nicht ausdrücken, liegt das unter anderem daran, dass sie keine Mittel und Wege dafür haben. Für manche Menschen ist das Ausdrücken von Emotionen sogar unvereinbar mit ihrem Selbstbild. In beiden Fällen tut mehr Flexibilität gut, damit Du das, was Du fühlst, auch ausdrücken kannst. Je nachdem, ob und wann Du eine Emotion ausdrückst, wird das Leben um einiges intensiver. Einige Probleme, die Menschen mit sich herumtragen, entstehen genau dort, wo Emotionen nicht ausgedrückt werden. Unter anderem erhalten andere Menschen dann nicht die Information darüber, was in Dir vorgehen könnte. Vielleicht trägst Du sogar eine Emotion wie Einsamkeit in Dir, zeigst sie aber nicht deutlich genug, damit andere Menschen emotional auf Dich eingehen können.
Ich habe genügend Menschen kennengelernt, die eine Emotion wie Wut über lange Zeit in sich hineinfressen. Damit löst sich die Wut aber nicht auf. Stattdessen baut sich eine innere Spannung im Unterbewusstsein auf, bis sie sich durch eine bestimmte Situation im Leben entlädt. Im Fall der Wut kann das ein Wutanfall sein, der durch eine banale Situation ausgelöst wird. Wenn andere Menschen diesen Wutanfall miterleben, sind sie meist fassungslos und können nicht nachempfinden, was in dieser Person gerade vorgeht. Wenn Du Deine Emotionen nicht ausdrückst, kann das viele Konsequenzen haben. Angenommen, Du willst von anderen Menschen Zuwendung wie Aufmerksamkeit, Zuneigung, Respekt oder Ruhe erfahren. Wenn die anderen aber nicht wissen, was Du von ihnen willst, werden sie es wahrscheinlich auch nicht tun.
Die eigenen Emotionen nicht auszudrücken, schadet außerdem früher oder später der eigenen Gesundheit. Möglicherweise kennst Du jenes Phänomen, wenn Du etwas nicht aussprichst, was Du gern sagen würdest. Je länger und öfter Du bei Dir behältst, was Du eigentlich sagen wolltest, desto wahrscheinlicher nimmt Deine Körperspannung zu. Stell Dir nun vor, was geschieht, wenn Du über einen langen Zeitraum Deine Emotionen unterdrückst. Damit wirst Du zu einer tickenden Zeitbombe, und die unterdrückten Emotionen bahnen sich früher oder später ihren Weg an die Oberfläche.
Die meisten Menschen können kaum wissen, wer Du bist, wenn sie keine Ahnung haben, was Du fühlst. Deine Emotionen sind ein wichtiger Bestandteil davon, wer Du bist. Wenn Du sie unterdrückst, verweigerst Du Deinem sozialen Umfeld die Möglichkeit, Dich und Deine Emotionen kennenzulernen und wertzuschätzen. Es gibt also reichlich Gründe, warum Du Deine Emotionen ausdrücken solltest. Das bedeutet nicht, dass Du immer alle Emotionen in jeder Situation sofort ausdrücken solltest. Es wird Zeiten geben, in denen der Ausdruck einer bestimmten Emotion unangebracht ist. Die Emotion selbst kannst Du dann zu einem späteren Zeitpunkt in einer anderen Situation ausdrücken. In unserer Kultur wäre es eher unangebracht, bei einer Beerdigung vor Freude zu lächeln und Witze über den Verstorbenen zu erzählen. Meine Betonung liegt auf „in unserer Kultur". In Mexiko zum Beispiel wird auf vielen Beerdigungen der Tod eines Verstorbenen mit positiven Emotionen gefeiert. Es ist nicht falsch oder unangemessen, was Du fühlst, höchstens der Kontext, in dem Du eine Emotion ausdrückst, sollte berücksichtigt werden.
In unserer westlichen Kultur haben viele Menschen gelernt, dass es nicht in Ordnung ist, sich wütend zu fühlen. Und weil es nicht in Ordnung ist, wird die Wut ins Unterbewusstsein abgespalten. Dabei entwickelt das Alltagsbewusstsein einen Mechanismus, der die Wut im Alltag ausblendet. Selbst wenn es zu Situationen kommt, in denen Du kurz durch etwas getriggert wirst, das Dich Wut empfinden lassen könnte, wird sie schnell vom Alltagsbewusstsein ausgeblendet.
Wenn Du willst, kannst Du einmal ein Experiment machen. Nimm Dir ein altes Kissen und schlage wie wild darauf ein. Kannst Du es Dir selbst erlauben, fünf Minuten lang auf das Kissen einzuprügeln? Vielleicht willst Du dabei auch hineinschreien und Deine ganze Wut und Frustration herauslassen. Gerade wenn Du das belächelst, ist es wahrscheinlich, dass Du Deine Wut lange unterdrückt hast. In der Psychologie gibt es den Begriff der Katharsis (auch: Reinigung). Die Katharsis bezeichnet die Befreiung von inneren Konflikten und verdrängten Emotionen durch symbolische Handlungen wie Schreien oder das Austoben von Aggressionen. Ihr Kerngedanke ist, dass unterdrückte Emotionen durch solche Äußerungen, also durch das Kanalisieren, abgeschwächt oder aufgelöst werden. Aristoteles beschreibt in seinem Werk „Poetik" die Katharsis als eine seelische Reinigung des Publikums durch das Erleben eines Dramas. Dadurch sollen sich Emotionen wie Angst und Mitleid über eine innere Reise auflösen.
Das Auswählen des emotionalen Ausdrucks
Die Fähigkeit auszuwählen, wie Du Deine Emotionen ausdrückst, ist wertvoll für Dein Leben. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Flexibilität im Ausdruck ist ein erweitertes Repertoire an Emotionen, die Du jederzeit zeigen kannst, wenn Du es willst. Das ermöglicht Dir mehr Flexibilität im Umgang mit verschiedenen Situationen, mehr Wirksamkeit beim Erreichen Deiner Ziele und eine innere Stimmigkeit zwischen Deinem Verhalten, den Umständen und Deinem Selbstbild.
Dein Verhalten ist eine natürliche Manifestation der Emotionen in Dir. Diese Natürlichkeit bedeutet jedoch nicht, dass das Verhalten, das Du mit einer bestimmten Emotion zeigst, die einzige Art ist, wie sich diese Emotion ausdrücken lässt. Und es bedeutet ebenso wenig, dass andere Menschen dieselbe Emotion auf dieselbe Weise zeigen wie Du. Die meisten Deiner emotionalen Ausdrucksweisen hast Du irgendwann gelernt. Sie sind für Dich natürlich, weil sie automatisch und ohne bewusstes Zutun ablaufen. Im Folgenden findest Du eine Auflistung verschiedener Emotionen und möglicher Ausdrucksweisen. Während Du sie liest, wirst Du vermutlich bemerken, welche Ausdrucksweisen sich für Dich stimmiger anfühlen. Was sich stimmig anfühlt, führt oft auch zu einem positiven Miteinander mit anderen Menschen.
Zuneigung: Es gibt Menschen, die ihre Zuneigung nur körperlich ausdrücken können, etwa durch Umarmen, Streicheln und Küssen. Zu viel dieser körperlichen Nähe kann für andere Menschen unangenehm sein. Eine Erweiterung der Verhaltensweisen kann darin bestehen, Zuneigung oder Wertschätzung durch wörtliche Rückmeldungen, kleine Geschenke, hilfsbereite Gesten oder das Versenden von Gedichten zu zeigen.
Wut: Manche Menschen drücken ihre Wut durch lautes Sprechen aus oder dadurch, dass sie Gegenstände durch den Raum werfen. Kurz darauf kippt die Stimmung manchmal in verletzenden Sarkasmus oder in einen brodelnden Rückzug. Für andere Menschen kann dieses Verhalten große Angst oder Hilflosigkeit auslösen, weil sie nicht wissen, wie sie auf einen solchen Ausbruch reagieren sollen. Ein reiferer Ausdruck könnte darin bestehen, offen zu benennen, was man gerade fühlt, warum diese Emotion entstanden ist und welche Schritte zu einer Lösung beitragen könnten.
Mitgefühl: Lange Zeit konnte eine Bekannte von mir kein Mitgefühl ausdrücken. Sie konnte es zwar empfinden, aber nicht zeigen. Deshalb mied sie sogar den Kontakt zu Menschen, die Hilfe benötigten. Selbst die Menschen, die ihr am Herzen lagen, hielten sie daher für hartherzig. Als sie eines Tages begann, ein stimmigeres Verhalten zu wählen, veränderte sie sich in ihrer Persönlichkeit. Sie bot ihre Unterstützung an, wenn sie gewünscht war, und informierte sich darüber, was in Menschen vorgeht, die Hilfe brauchen. So fand sie heraus, wie sie anderen besser helfen kann. Eine ihrer Ausdrucksformen wurde es, still an der Seite eines Menschen zu sitzen, der Hilfe braucht. Schon dieses Verhalten war für viele sehr hilfreich.
Zufriedenheit: In einem Unternehmen, in dem ich früher arbeitete, gab es einen Arbeitskollegen, der seinen Stolz und seine Zufriedenheit dadurch ausdrückte, dass er ständig mit seinen Erfolgen prahlte. Viele Kolleginnen und Kollegen waren ihm aufgrund dieses Verhaltens eher abgeneigt. Als er lernte, seine Errungenschaften in einem persönlichen Rahmen zu feiern, veränderte sich auch die Arbeitsatmosphäre. Je nach Bedeutung seines Erfolgs gestaltete er diese Feiern unterschiedlich, manchmal so klein wie ein Kinobesuch und manchmal so groß wie ein Urlaub. Mit der Zeit begann er sogar, seine Kollegen einzuladen und diese Treffen als feierliche Momente mit gegenseitiger Freude zu erleben.
Ehrgeiz: Ein Bekannter erzählte mir einmal von einem Arbeitskollegen und dessen früherem Verhalten. Dieser Kollege suchte aggressiv den Kontakt zu Personen, von denen er glaubte, sie könnten seine Karriere fördern. Er überhäufte sie mit langen Ausführungen über seine Ambitionen und Pläne. Mit der Zeit erkannte er jedoch, dass viele dieser Menschen ihn als aufdringlich empfanden. Mittlerweile drückt er seinen Ehrgeiz auf eine weitaus reifere Weise aus. Er schließt Projekte ab, entwickelt neue Aufgaben und richtet seine Aufmerksamkeit bewusst auf Chancen, indem er anderen zuhört, gezielte Fragen stellt und Informationen sammelt. Dadurch sehen ihn seine Kollegen als interessiert, neugierig und als jemanden mit echtem Potenzial.
Unzufriedenheit: Manche Menschen drücken ihre Unzufriedenheit aus, indem sie bei Freunden, in der Familie oder am Arbeitsplatz jammern und sich immer wieder beschweren. Oft reagieren andere darauf mit Distanz, weil sie sich überfordert fühlen oder dem ständigen Klagen nichts entgegensetzen können. Ein neuer und hilfreicherer Ausdruck kann darin bestehen, zunächst zu schweigen, bis man selbst etwas gegen die Quelle der eigenen Unzufriedenheit unternommen hat. Eine andere Möglichkeit ist, humorvolle oder sarkastische Bemerkungen zu machen, ohne dabei andere herabzusetzen. Ebenso kann es befreiend sein, die eigene Unzufriedenheit sachlich zu benennen und um konkrete Unterstützung zu bitten.
Vorsicht: Übertriebene Vorsicht kann dazu führen, dass man einem Commitment ausweicht, sei es ein eigenes oder eines, das andere an einen herantragen. Manche Menschen fühlen sich schnell in die Enge gedrängt und reagieren dann mit Gegenfragen, um Abstand zu schaffen. Dieses typische Kampf-oder-Flucht-Verhalten lässt sich jedoch auflösen, wenn man die eigene Vorsicht offen ausdrückt. Das kann bedeuten, von Beginn an klar zu sagen, dass man noch nicht bereit ist, sich festzulegen, und erst einmal Informationen sammeln möchte. Die gewonnenen Informationen berücksichtigen die eigene Vorsicht und helfen dabei, sich sicherer zu fühlen.
Verlegenheit: Viele Menschen ziehen sich weit zurück, wenn sie sich verlegen fühlen, selbst unter Freunden. Und in Situationen, in denen ein Rückzug nicht möglich ist, erstarren sie innerlich und wirken für andere wie abwesend. Ein neuer Ausdruck kann darin bestehen, in peinlichen Momenten einfach zu sagen: „Das ist mir gerade etwas peinlich." Auch eine selbstironische Bemerkung, die für einen selbst wie für andere amüsant ist, kann helfen. Anschließend lässt sich die Aufmerksamkeit der Gruppe leicht auf ein anderes Thema lenken.
Ein Format, um Emotionen stimmig auszudrücken
Die obigen Beispiele können für Dich unstimmig sein. Vielleicht willst Du andere Ausdrucksformen nutzen, weil Du ein anderer Mensch mit eigenen Umständen und einem einzigartigen Selbstbild bist. Um Deine persönlichen Ausdrucksformen zu erkennen und zu verfeinern, kannst Du das folgende Format nutzen:
Identifiziere eine Emotion, die Du zu unbefriedigend ausgedrückt hast.
Finde heraus, was Du mit Deinem emotionalen Ausdruck erreichen willst. Willst Du engagiert wirken? Welche Reaktionen willst Du bei anderen hervorrufen? Willst Du einfach vermitteln, was Du fühlst? Oder willst Du kongruent handeln?
Generiere mindestens fünf mögliche Ausdrucksformen dieser Emotion. Dabei kannst Du Deine eigenen Erfahrungen, die Verhaltensweisen anderer Menschen und vorgestellte Möglichkeiten einbeziehen.
Spiele für jede Ausdrucksform einen inneren Film in Deinem Kopf ab. Stell Dir vor, wie Du die Emotion fühlst und sie auf Deine gewünschte Art ausdrückst. Bewerte dabei, welche Ausdrucksformen am stimmigsten erscheinen, gemessen an dem, was Du erreichen willst. Ist keine stimmig, kehrst Du zu Schritt drei zurück und generierst weitere. Ansonsten geht es weiter.
Wenn Du Deine stimmigen Ausdrucksformen parat hast, spielst Du die inneren Filme erneut ab. Jetzt verfeinerst Du Deine Verhaltensweisen und überprüfst, ob sie auch zu den gewünschten Ergebnissen in den Situationen führen.
Stell Dir als Nächstes vor, wie Du in den Film hineinsteigst, als würdest Du alles durch Deine eigenen Augen sehen. Fühle die jeweilige Emotion und stell Dir lebendig vor, wie es sein wird, sie durch die jeweilige Verhaltensweise auszudrücken.
Identifiziere eine bevorstehende Situation, in der Du die Emotion wahrscheinlich erleben wirst. Stell Dir erneut vor, in dieser Situation zu sein, die Emotion zu fühlen und sie auf Deine Art auszudrücken.
Wiederhole Schritt sieben für mindestens zwei weitere zukünftige Situationen und nimm bei Bedarf kleine Anpassungen vor. Wenn Du entdeckst, dass es bestimmte Kontexte gibt, in denen Deine neuen Verhaltensweisen unangemessen sind, kehrst Du zu Schritt zwei zurück und durchläufst das Format für den neuen Kontext erneut.
An dieser Stelle ist es wichtig, dass Du Dir sowohl Deiner Emotion als auch des gewünschten Ergebnisses bewusst bist. Damit kannst Du einen Ausdruck wählen, der sowohl mit Deinem inneren Erleben als auch mit Deinem Ziel übereinstimmt. Dein Ausdrucksverhalten zu verändern, ohne zu wissen, was Du fühlst und was Du erreichen möchtest, ist wie der Versuch, eine Reise anzutreten, ohne zu wissen, wie Du reisen willst oder wohin sie Dich führen soll. Stell Dir die Frage: „Was genau will ich in dieser Situation?" Diese Frage ist bedeutsam, denn die Antwort liefert Dir häufig genau die Information, die Du brauchst, um passende Veränderungen vorzunehmen. Sobald Du weißt, wo Du stehst und wohin Du willst, kannst Du beginnen, die Wege dorthin zu gestalten.
Was könnten zum Beispiel fünf Wege sein, die Emotion der Wut auszudrücken? Mit dem oben beschriebenen Format kannst Du diese Möglichkeiten genauer untersuchen und ihre potenziellen Auswirkungen in verschiedenen Situationen reflektieren. So findest Du leichter die Ausdrucksform, die im jeweiligen Kontext am stimmigsten ist. Das Format lenkt Deine Aufmerksamkeit bewusst darauf, was Du in einer Situation erreichen möchtest, und nicht darauf, was in der Vergangenheit geschehen ist. Genau das macht es einfacher, neue und befriedigende Ausdrucksformen zu entdecken und zu übernehmen.
Was ist Inkongruenz?
Inkongruenz bezeichnet einen Zustand, in dem Dein inneres Erleben, etwa Emotionen oder Überzeugungen, nicht mit Deinem äußeren Verhalten übereinstimmt. Dein äußeres Verhalten ist das, was Du mit Deinem Körper zeigst oder sagst. Inneres und äußeres Erleben stehen dann im Widerspruch zueinander.
Bestimmt kennst Du Situationen, in denen Du denkst, dass es unangebracht wäre, das, was emotional in Dir vorgeht, offen auszudrücken. In solchen Momenten entsteht eine Lücke zwischen dem, was Du fühlst, und dem, was Du nach außen zeigst. Stell Dir vor, Du führst ein Kind bei Nacht durch einen gefährlichen Stadtteil. Diese Verantwortung könnte Dich unsicher fühlen lassen. Zugleich weißt Du, dass Deine Unsicherheit das Kind zusätzlich beunruhigen könnte. Also versuchst Du, Ruhe und Selbstsicherheit auszustrahlen, um dem Kind Sicherheit zu geben. Gerade Kinder nehmen solche Inkongruenzen besonders fein wahr, und das kann für sie irritierend sein.
Wie Du erkennen kannst, sind die Frage, wie Du eine Emotion ausdrückst, und die Frage, ob Du sie ausdrückst, eine Entscheidung. Diese Entscheidung orientiert sich am besten an den Zielen, die Du in einer bestimmten Situation verfolgst. Wenn Du Dich zum Beispiel im Inneren zu einer anderen Emotion hangelst, wird es für Dich möglich, wieder kongruent zu sein und auf das zu reagieren, was um Dich herum geschieht. Es ist besser, als unsichere Person tatsächlich in einen Zustand der Selbstsicherheit zu wechseln, als nur eine Fassade davon aufzubauen. Ein Kind spürt schnell, wenn etwas nicht stimmt, und eine gespielte Sicherheit kann es mehr beunruhigen als eine offen gezeigte Unsicherheit. Zudem kostet es Energie, eine Emotion künstlich vorzutäuschen, und diese Energie fehlt dann in Momenten, in denen volle Aufmerksamkeit gefragt ist.
Wenn Du bemerkst, dass Du inkongruent bist oder warst, ist das ein passender Zeitpunkt, Dich zu einer anderen Emotion zu hangeln. Das setzt stillschweigend voraus, dass Du bereits weißt, wie Du Dich lieber fühlen möchtest. Falls Du das nicht weißt, kannst Du die Formate dieser Artikelserie nutzen.
Das war die zweite Fähigkeit von emotionaler Wahlfreiheit
Eine der sichersten Möglichkeiten, wie ein Mensch etwas über Dich erfahren kann, liegt darin, wie Du Dich ihm gegenüber ausdrückst. Ein wesentlicher Teil dessen, was andere über Dich wahrnehmen, zeigt sich in Deinen emotionalen Ausdrucksformen. Viele Menschen nehmen dabei einen eher vereinfachten Standpunkt ein und gehen davon aus, dass sich äußeres Verhalten direkt auf bestimmte Emotionen oder persönliche Eigenschaften zurückführen lässt.
Dein Ausdruck ist jedoch weit mehr als das. Er ist die zentrale Form der Kommunikation und damit die Schnittstelle zwischen Dir und Deiner Umwelt. Zugleich kann er zu einer Schnittstelle zwischen Dir und Deinem eigenen Selbstverständnis werden. Sicher erinnerst Du Dich an Momente, in denen Du Dich selbst überrascht hast. In ihnen hast Du Dich auf eine Art verhalten, die ungewohnt oder völlig neu für Dich war, die aber vollkommen mit Deiner Emotion übereinstimmte. Viele dieser Momente entstehen, wenn wir allein sind und die Maske der öffentlichen Rolle ablegen. Ob solche Augenblicke angenehm oder unangenehm waren, spielt kaum eine Rolle. Was zählt, ist, dass sie aufschlussreich waren und Dich mit Deinen Emotionen in Berührung gebracht haben. Vielleicht waren es sogar Emotionen, die Du vernachlässigt hattest oder die Dir bis dahin unbekannt waren.
Auch wenn Du allein bist, kann es erfüllend sein, eine Wahlfreiheit im emotionalen Ausdruck zu haben und Deine Emotionen klar auszudrücken. Diese Wahlmöglichkeiten helfen Dir nicht nur, anderen zu vermitteln, wer Du bist, sondern auch, Dich selbst besser zu verstehen. Stell Dir eine Welt vor, in der jeder Mensch frei wählen kann, wie er seine Emotionen ausdrückt. Eine Welt, in der wir auf die tatsächlichen statt auf die angenommenen Bedürfnisse und Erfahrungen unserer Mitmenschen reagieren. Wahrscheinlich würden wir täglich das Geschenk erhalten, uns von Familie, Freunden und Kollegen wirklich verstanden zu fühlen.
Eine Gesellschaft, in der die emotionalen Bedürfnisse und Erfahrungen des Menschen transparent sind, kann eine Gesellschaft sein, in der sich die Menschen eher verstanden als missverstanden fühlen. Damit entsteht unter den Menschen mehr Verbundenheit als Isolation, und jeder könnte sich dem Ausdruck der eigenen Emotionen vertrauensvoll statt ängstlich zuwenden. Im nächsten Artikel machen wir einen Hechtsprung in die dritte Schlüsselfähigkeit der emotionalen Wahlfreiheit. Damit nähert sich diese Artikelserie langsam ihrem Abschluss. Du kannst schon jetzt stolz auf Dich sein, dass Du bis hierhin gelesen und praktiziert hast. Ich wünsche Dir bis zum nächsten Mal wundervolle Lernerfahrungen in Deinem Leben.
Bis zum nächsten Mal und Danke für Deine Zeit,
Dein Florian 🌈



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