Circle of Excellence: Der Kreis am Boden
- Florian Stotz

- 23. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Du musst den Zustand, den Du brauchst, nicht erschaffen. Du warst schon einmal darin.
Es gibt eine Bitte, die in Trainings regelmäßig kommt, meistens vor einem wichtigen Termin. Jemand sagt: Ich brauche mehr Selbstvertrauen. Und ich frage dann zurück, ob er denn schon einmal Selbstvertrauen gehabt habe, irgendwann, in irgendeiner Situation. Fast immer kommt nach kurzem Zögern ein Ja. Beim Sport vielleicht, beim Kochen für Freunde, in einem Gespräch, in dem er wusste, wovon er redete. Und damit ist die Lage eine völlig andere. Es geht nicht darum, etwas herzustellen, das nie da war. Es geht darum, etwas wiederzufinden, das an einer anderen Stelle Deines Lebens liegt und dort keinen Nutzen hat. Nicht Mangel ist das Problem, sondern falsche Ablage.
Warum ein Zustand an einen Ort gebunden werden kann
Unser Nervensystem verknüpft ständig, ohne uns zu fragen. Ein Lied aus der Jugend, und die ganze Stimmung eines Sommers ist wieder da. Der Geruch eines bestimmten Reinigungsmittels, und man steht innerlich wieder im Flur der Grundschule. Diese Verknüpfung zwischen einem Reiz und einem inneren Zustand heißt im NLP Anker (auch: eine Kopplung zwischen einem äußeren Auslöser und einer inneren Reaktion), und sie ist kein Kunstgriff. Sie läuft ohnehin, den ganzen Tag, meistens zu unseren Ungunsten. Der Circle of Excellence macht sich genau das zunutze. Das Format geht auf John Grinder und Judith DeLozier zurück, zwei der Entwickler des NLP, und sein Grundgedanke ist bestechend einfach: Statt eine Berührung oder ein Wort als Auslöser zu verwenden, nimmt man einen Ort. Einen Kreis auf dem Boden, in den man hineintritt.
Das klingt zunächst nach einer Spielerei. Es ist aber wirksam, und zwar aus einem handfesten Grund. Ein Ort auf dem Boden trennt sauber zwischen drinnen und draußen. Du kannst hineintreten und wieder heraus, und diese körperliche Bewegung tut etwas, das kein Gedanke leisten kann. Der ganze Körper ist beteiligt, nicht nur der Kopf, der über einen Zustand nachdenkt. Ein Zustand, den man betreten kann, ist ein anderer als einer, den man sich vorstellt.
Die Übung Schritt für Schritt
Du brauchst dafür einen Raum, in dem Du ein paar Schritte gehen kannst, und ungefähr zwanzig Minuten. Niemand muss dabei zusehen.
Wähle den Zustand. Nicht die Situation, sondern die Qualität, die Du in ihr bräuchtest. Ruhe, Klarheit, Wärme, Mut, Verspieltheit. Ein Wort genügt, und je genauer es ist, desto besser findet Dein System die passende Erinnerung.
Such die Erinnerung. Ein Moment in Deinem Leben, in dem dieser Zustand richtig kräftig da war. Er muss nichts mit Deinem aktuellen Anlass zu tun haben, und er darf klein sein. Ein Nachmittag genügt, an dem Du ganz bei einer Sache warst.
Leg den Kreis an. Stell Dir vor Dir auf dem Boden einen Kreis vor, ungefähr einen Schritt entfernt. Gib ihm eine Farbe, wenn eine kommt. Manche Menschen sehen ihn deutlich, andere ahnen ihn nur, und beides reicht vollkommen aus.
Tritt hinein und geh in die Erinnerung. Und jetzt steig in den Kreis und in den Moment zugleich. Nicht als Zuschauer, sondern von innen: durch Deine eigenen Augen, mit Deinen eigenen Ohren. Was siehst Du dort? Was hörst Du? Wie steht Dein Körper, wie geht der Atem, wo genau im Leib sitzt dieses Gefühl?
Bemerke, wie der Zustand gebaut ist. Bleib einen Moment darin und schau genauer hin. Ist das innere Bild hell oder gedämpft, nah oder fern, bewegt oder still? Klingt Deine innere Stimme tief oder hoch, schnell oder ruhig? Diese Feinheiten heißen Submodalitäten (auch: die Bauteile, aus denen eine innere Erfahrung zusammengesetzt ist), und sie sind die Stellschrauben.
Verstärke ihn. Nun dreh an genau diesen Schrauben. Mach das Bild ein wenig größer und klarer, die Farben satter, die innere Stimme ruhiger und tragender. Und spür, wie das Gefühl im Körper mitwächst, von der Stelle aus, an der es sitzt, in Brust und Schultern hinein.
Steig heraus und schüttel Dich ab. Verlass den Kreis, geh zwei Schritte weg, schau kurz aus dem Fenster, denk an Deine Einkaufsliste. Dieses bewusste Unterbrechen gehört dazu, sonst kannst Du im nächsten Schritt nicht prüfen.
Prüfe. Tritt wieder hinein. Kommt der Zustand von allein? Wenn ja, hält der Anker. Wenn nur wenig kommt, wiederhole die ersten Schritte, meist genügen zwei bis drei Durchgänge, bis das Hineintreten reicht.
Nimm den Kreis mit. Denk zuletzt an eine konkrete Situation der nächsten Wochen, in der Du diesen Zustand brauchst. Stell Dir vor, wie der Kreis dort auf dem Boden liegt, an genau der Stelle, an der Du stehen wirst, und wie Du hineintrittst. Das ist der Schritt, ohne den die ganze Arbeit im Übungsraum bleibt.
Wenn Du magst, verbinde den Kreis mit einer Geste. In dem Moment, in dem der Zustand am kräftigsten ist, führe Daumen und Mittelfinger sanft zusammen und lass zugleich eine warme, goldene Kugel am Sonnengeflecht ruhig leuchten. Halte beides einen Atemzug lang. Damit hast Du einen Anker, den Du überall auslösen kannst, auch dort, wo kein Kreis auf dem Boden liegt und niemand etwas bemerken soll.
Wo die Grenze dieses Formats liegt
Ein ehrliches Wort dazu, was der Kreis nicht kann, denn das gehört zur Sache. Er erzeugt keinen Zustand aus dem Nichts. Wenn ein Mensch in seinem Leben noch nie Ruhe erlebt hat, findet er auch keine Erinnerung daran, und dann ist der Kreis das falsche Werkzeug. Dann geht es zuerst darum, überhaupt eine erste Erfahrung von Ruhe zu machen, und dafür sind Körperarbeit, Atem und stilles Sitzen der geeignetere Weg.
Er ersetzt außerdem keine Fähigkeit. Ein Zustand von Klarheit macht Dich in einem Gespräch handlungsfähiger, aber er ersetzt nicht die Vorbereitung. Wer unvorbereitet und ruhig in einen Termin geht, ist ruhig unvorbereitet. Und bei anhaltender Angst, bei Panik oder bei einer belastenden Vorgeschichte gehört diese Arbeit in Begleitung. Nicht weil sie gefährlich wäre, sondern weil bei starken Zuständen oft mehr auftaucht als der eine Moment, den man sich vorgenommen hatte.
Nicht die Methode, sondern die Wiederholung
Was diesen Kreis am Ende trägt, ist nicht seine Raffinesse. Es ist, wie oft Du ihn betrittst. Ein einmal angelegter Anker verblasst, wenn er nie ausgelöst wird, und ein dreimal in der Woche betretener Kreis wird über Monate zu etwas anderem als einer Übung. Er wird zu einem Ort, den Dein Nervensystem kennt. Irgendwann brauchst Du den Boden nicht mehr, weil der Weg dorthin so oft gegangen wurde, dass er von selbst läuft.
Und darin liegt der eigentliche Gedanke hinter diesem Format, der weit über das NLP hinausreicht. Deine besten Zustände sind nicht das, was Du an guten Tagen zufällig bekommst. Sie sind Orte in Dir, zu denen Du einen Weg bahnen kannst. Das Können liegt nicht darin, den Zustand zu haben. Es liegt darin, ihn wiederzufinden. Ich wünsche Dir viel Freude beim Anlegen Deines Kreises.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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